Newsletter_2026_03_10
Liebe Mitglieder,
der Koalitionsvertrag SPD / CDU redet viel über Verantwortung – aber bei der beruflichen Bildung bleibt er mutlos und technokratisch. Zwischen Konsolidierungsrhetorik und Fachkräftepathos droht der zentrale Lernort Berufsschule erneut zum Statisten degradiert zu werden.
Politischer Rahmen: Sparen mit Ansage
Die Koalition stellt zu Beginn klar: Erst kommt der Rotstift, dann die Gestaltung. Fünf Prozent weniger Personalausgaben, alles unter Haushaltsvorbehalt – das ist die Leitplanke dieser Regierung. Bildung wird zwar zur "Kernaufgabe" erklärt, aber eine echte Bestandsgarantie für Schulen, erst recht für Berufsschulen, sucht man vergeblich.
Bildungspolitik: viele Projekte, wenig Rückenwind für Schulen
Auf dem Papier wirkt der Vertrag modern: neue Lehrpläne, "Bildungsland Brandenburg 2035", digitale Verwaltung, mehr Evaluation. In der Realität bedeutet das für Kollegien: noch mehr Steuerungsprojekte, noch mehr Berichtspflichten und keine klare Antwort auf die Frage, wer das alles zusätzlich leisten soll. Von spürbarer Entlastung im Schulalltag ist wenig zu sehen; stattdessen dominiert der Eindruck: Mehr Kontrolle – gleich viel oder weniger Personal.
Berufliche Bildung: gelobt, aber nicht geführt
Natürlich: Das duale System wird als "wesentliche Grundlage" für die Fachkräftesicherung gewürdigt, Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung wird feierlich beschworen. Doch hinter den großen Worten folgen kleine Schritte: ein bisschen Distanzunterricht, etwas Standorterhalt, allgemein gehaltene Hinweise auf Infrastruktur. Ein klares politisches Signal, dass Berufsschulen als strategische Schaltstelle der Fachkräftesicherung massiv gestärkt werden sollen, fehlt.
Die Berufsorientierung soll ausgebaut werden, Praktikumsplattformen und Kampagnen werden versprochen. Aber Berufsschulen kommen vor allem als Kulisse vor, nicht als eigenständige pädagogische Kraft mit eigener Stimme. Das Denken bleibt stark von Wirtschaft und Arbeitsverwaltung bestimmt.
Fachkräftestrategie: hohe Erwartungen, schwache Basis
Im Arbeitsmarktteil wird ein großes Rad gedreht: internationale Fachkräfte, Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Azubi-Wohnheime, Azubi-Ticket. Wer diese jungen Menschen unter teils schwierigen Bedingungen in Ausbildung begleitet, Sprachförderung leistet, Übergänge stabilisiert – nämlich wir an den Berufsschulen – taucht kaum auf.
Besonders problematisch:
Von Jobcentern wird erwartet, junge Menschen im Bürgergeldbezug konsequent in Bildung und Ausbildung zu bringen; die dafür nötigen zusätzlichen Ressourcen an Berufsschulen werden im Vertrag nicht einmal angedeutet.
Personal und Finanzierung: hohes Risiko für die Qualität der Berufsschule
Wenn eine Koalition die Personalausgaben pauschal senken will Verbeamtungen nur noch in "Kernbereichen hoheitlichen Handelns" vorsieht und gleichzeitig fast alle Vorhaben unter Haushaltsvorbehalt stellt ist Misstrauen angebracht. Ohne klare, öffentlich überprüfbare Zusage, dass Berufsschulen von Kürzungen ausgenommen und sogar gestärkt werden, bleibt das Bekenntnis zur "Kernaufgabe Bildung" ein politisches Versprechen auf Widerruf.
Was wir als Verband jetzt klar einfordern müssen
Für uns als Berufsschullehrerverband ist dieser Koalitionsvertrag ein Warnsignal: Er erkennt unsere Bedeutung an, übersetzt sie aber nicht in belastbare Zusagen.
Daraus ergeben sich klare politische Hausaufgaben, die wir in den kommenden Monaten konsequent adressieren müssen:
- Eine explizite Bestandsgarantie und einen verbindlichen Stellenplan für die beruflichen Schulen außerhalb pauschaler Sparvorgaben.
- Ein eigenes, sichtbares Kapitel "Berufliche Bildung" im Maßnahmenkatalog, mit konkreten Zielen zu Klassenbildung, Ausstattung,
- Digitalisierung und multiprofessionellen Teams.
- Die formale Verankerung der Berufsschulen und ihrer Verbände in der Fachkräftestrategie, im Prozess "Bildungsland Brandenburg 2035" und in allen Vorhaben zur Berufsorientierung.
- Einen mehrjährigen Investitionspfad für moderne berufsschulische Infrastruktur, der nicht bei der ersten Haushaltsdebatte wieder einkassiert werden kann.
- Mehr Zutrauen in die eigenständige und verantwortungsvolle Arbeit der Schulleitungen statt weiterer Kontrolle.
- Endlich spürbare Entlastung aller Beschäftigten an Schulen – statt zusätzlicher Statistiken, Berichtspflichten und Abfragen.
Wir werden die Koalition daran messen, ob sie die Berufsschulen tatsächlich zum Rückgrat der Fachkräftesicherung macht oder ob es beim wohlfeilen Lob im Koalitionsvertrag bleibt. Die berühmten 100 Tage zur Bewährung im Amt haben wir leider nicht, wir werden die neue Koalition vom ersten Tag an beobachten.
Ihr Landesvorstand
