Newsletter_2026_08_19

19.08.2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir sind noch gar nicht richtig ins neue Schuljahr gestartet und schon ereilen uns erste Hiobsbotschaften.Der Brandenburgische Berufsschullehrerverband weist die angekündigte Streichung der zusätzlichen Entlastungsstunde an Oberstufenzentren und
allen anderen betroffenen Schulen mit größter Entschiedenheit zurück. Ebenso lehnen wir jede weitere Erhöhung der
Unterrichtsverpflichtung für Lehrkräfte an beruflichen Schulen zutiefst ab.

Der Ministerbrief vom 17. August 2026 stellt in Aussicht, dass die zusätzliche Entlastungsstunde ab dem 1. Februar 2027 nicht mehr gewährt werden soll. Als Begründung werden der Lehrkräftemangel, ausfallender Unterricht und eingeschränkte Förderangebote genannt. Diese Argumentation verkehrt Ursache und Wirkung: Nicht Entlastungsstunden gefährden die Unterrichtsversorgung, sondern unzureichende Personalplanung, fehlende Stellen und Arbeitsbedingungen, die immer mehr Lehrkräfte aus dem Beruf drängen.

Bereits seit dem 1. Februar 2026 ist die Unterrichtsverpflichtung in Brandenburg grundsätzlich um eine Wochenstunde erhöht. Nach Angaben des Bildungsministeriums entstehen dadurch landesweit rund 11.500 zusätzliche Lehrerwochenstunden. Berufliche Schulen und andere betroffene Schulen waren zunächst von der unmittelbaren Auswirkung dieser Erhöhung ausgenommen, weil ihre besondere Belastung anerkannt wurde. Nun soll ausgerechnet diese nachvollziehbare Anerkennung wieder zurückgenommen werden.Das ist kein tragfähiges Konzept gegen den Lehrkräftemangel. Es ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.

Oberstufenzentren sind keine Einheitsschulen

Oberstufenzentren bewältigen eine Aufgabenvielfalt, die in dieser Breite und Komplexität kaum mit anderen Schulformen vergleichbar ist. An einem einzigen OSZ treffen unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, Lebenssituationen, Altersgruppen und berufliche Perspektiven aufeinander.

Unsere Kolleginnen und Kollegen arbeiten unter anderem in:

  • Berufsvorbereitung und Berufsorientierung
  • Bildungsgängen zum Erwerb der Berufsbildungsreife, der Fachoberschulreife und weiterer allgemeinbildender Abschlüsse
  • Berufsschulen im dualen Ausbildungssystem
  • Berufsfachschulen, Fachoberschulen und beruflichen Gymnasien
  • Bildungsgängen für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf
  • Angeboten des gemeinsamen Lernens und der individuellen Förderung
  • Übergangsmaßnahmen für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz
  • Prüfungen, Abschlussberatung, Kooperationen mit Ausbildungsbetrieben und Kammern
  • Praktikumsbetreuung, Schulsozialarbeit und multiprofessioneller Zusammenarbeit
  • Hochschulzugangsberechtigung und Vorbereitung auf ein Studium.

Die Schülerinnen und Schüler an Oberstufenzentren bilden keine homogene Lerngruppe.
Die heutigen Jugendlichen unterscheiden sich erheblich in ihren fachlichen Voraussetzungen, ihrer Sprachkompetenz, ihrer sozialen Situation, ihrer Lernbiografie und ihrer beruflichen Orientierung. Viele kommen mit Misserfolgserfahrungen, psychischen Belastungen, familiären Problemen oder unsicheren Zukunftsperspektiven an unsere Schulen.

Diese Heterogenität ist keine Randerscheinung, sondern der Alltag der beruflichen Bildung.Wer die Unterrichtsversorgung an OSZ sichern will, muss deshalb mehr tun, als Unterrichtsstunden rechnerisch zu vermehren. Er muss Zeit für Diagnostik, Beratung, Differenzierung, Kooperation und individuelle Unterstützung sichern. Genau dafür ist die Entlastungsstunde von zentraler Bedeutung – Entlastung ist eine Stütze für gute Arbeit.

Der Ministerbrief behauptet, Entlastungsstunden stünden nicht für Unterricht oder andere pädagogische Angebote zur Verfügung. Diese Betrachtung greift zu kurz. Eine Entlastungsstunde ist keine unproduktive Abwesenheit vom Unterricht, sondern schafft Zeit für Aufgaben, die Unterricht überhaupt erst ermöglichen und verbessern.

Lehrkräfte an OSZ benötigen diese Zeit für:

  • die Vorbereitung differenzierter Lernangebote
  • die Betreuung und Beratung einzelner Schülerinnen und Schüler
  • Gespräche mit Ausbildungsbetrieben, Eltern, Jugendhilfe und Beratungsstellen
  • die Begleitung gefährdeter Ausbildungsverhältnisse
  • die Organisation und Auswertung von Praktika
  • die Entwicklung von Förderplänen
  • die Zusammenarbeit in Bildungsgangteams
  • die Bewältigung von Konflikten und Krisen
  • die Prüfungsvorbereitung und Nachbereitung
  • die Dokumentation und die stetig wachsenden Verwaltungsaufgaben.

Wird diese Zeit gestrichen, verschwinden die Aufgaben nicht. Sie werden in die Abendstunden, in Wochenenden und in die ohnehin überlastete persönliche Arbeitszeit der Lehrkräfte verlagert. Die Folge sind keine
besseren Schulen, sondern mehr Überlastung, mehr Erkrankungen, mehr Teilzeit und eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels.

Mehr Unterricht auf dem Papier ist nicht automatisch mehr Unterrichtsqualität im Klassenzimmer.

Der Ministerbrief überzeugt nicht, er demotiviert und das zu Beginn eines neuen Schuljahres.Der Minister beruft sich auf die angespannte Personalsituation und auf die ab 2027 geplanten Veränderungen bei der Arbeitszeit. Gerade diese Begründung macht die Entscheidung widersprüchlich.Wenn an vielen Schulen Unterricht ausfällt und Förderangebote eingeschränkt werden, braucht es nicht weniger Entlastung, sondern bessere Arbeitsbedingungen und zusätzliche personelle Ressourcen. Wenn die Arbeit an OSZ besonders anspruchsvoll ist, darf die bereits gewährte Unterstützung nicht als Privileg diffamiert werden. Und wenn Arbeitszeitregelungen neu bewertet werden müssen, darf dies nicht einseitig zulasten der Lehrkräfte geschehen.

Besonders problematisch ist, dass der Brief eine Gleichbehandlung behauptet, obwohl die Arbeitsbedingungen nicht gleich sind. Gleichbehandlung bedeutet nicht, ungleiche Belastungen identisch zu behandeln. Wer die besonderen Anforderungen an Förderschulen, beruflichen Schulen sowie Schulen mit Sozialindex 4 und 5 anerkennt, muss daraus auch Konsequenzen ziehen.

Die Streichung der Entlastungsstunde wäre keine faire Angleichung, sondern eine Missachtung der tatsächlichen Arbeitsbedingungen an den betroffenen Schulen.

Hinzu kommt: Im Ministerbrief wird selbst darauf hingewiesen, dass die seit Februar 2026 wirksame Pflichtstundenerhöhung bis zum 31. Juli 2032 befristet sein soll. Eine befristete Maßnahme darf nicht zum Anlass genommen werden, die dauerhafte Belastung der Lehrkräfte weiter zu erhöhen.

Unsere Forderungen

Der Brandenburgische Berufsschullehrerverband fordert daher:

  1. Die zusätzliche Entlastungsstunde an Oberstufenzentren und anderen betroffenen Schulen muss über den 31. Januar 2027 hinaus erhalten bleiben.
  2. Die besondere Belastung der beruflichen Schulen muss bei allen Arbeitszeitentscheidungen dauerhaft berücksichtigt werden.
  3. Jede weitere Erhöhung der Pflichtstundenzahl an OSZ ist zurückzunehmen beziehungsweise auszuschließen.
  4. Die Unterrichtsversorgung muss durch zusätzliche Stellen und eine verlässliche Personalplanung verbessert werden – nicht durch die Ausweitung der Arbeitszeit der bereits Beschäftigten.
  5. Die zusätzlichen Aufgaben von Berufsorientierung, Integration, gemeinsamem Lernen, individueller Förderung und dualer Ausbildung müssen personell und zeitlich abgesichert werden.
  6. Der Hauptpersonalrat und die Verbände müssen frühzeitig und ernsthaft beteiligt werden. Eine bloße Beratung über die Umsetzung einer bereits politisch getroffenen Entscheidung reicht nicht aus.

Zusammenstehen für die berufliche Bildung

Die Kolleginnen und Kollegen an Oberstufenzentren leisten jeden Tag einen unverzichtbaren Beitrag für die Zukunft junger Menschen und für die Fachkräftesicherung in Brandenburg. Sie begleiten Jugendliche auf dem Weg in Ausbildung und Beruf, eröffnen zweite Bildungschancen, ermöglichen den Erwerb höherer Schulabschlüsse und unterstützen Schülerinnen und Schüler in schwierigen Lebenslagen.

Diese Arbeit verdient Anerkennung – nicht zusätzliche Belastung.Wir fordern die Landesregierung auf, die geplante Streichung der Entlastungsstunde zurückzunehmen. Wir appellieren an den Hauptpersonalrat, die Interessen der Beschäftigten konsequent zu vertreten. Und wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen auf, sich gemeinsam gegen eine Politik zu wehren, die den Lehrkräftemangel auf dem Rücken der Lehrkräfte verwalten will.Unsere Botschaft ist klar: Die berufliche Bildung braucht mehr Zeit, mehr Personal und mehr Wertschätzung – aber keine weitere Pflichtstundenerhöhung.

Lassen Sie sich von diesen Nachrichten aber nicht entmutigen und erfreuen Sie sich auch in diesem Schuljahr an den schönen Momenten in der Arbeit mit den jungen Menschen.Mit kollegialen Grüßen.

Der Vorstand des Brandenburgischen Berufsschullehrerverbandes